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[Kolumne] Ist Zivilcourage ein Verbrechen?



Hallo meine Lieben,

heute gibt es wieder eine Kolumne, dieses Mal zu einem sehr aktuellen Thema. Die meisten von Euch werden den traurigen Fall von Tugce, der jungen Studentin, die zwei Mädchen vor der Belästigung durch eine kleine Gruppe Männer schützen wollte. Das Ende dieser Hilfsaktion war leider sehr tragisch, denn die Studentin wurde von einem der Männer niedergeschlagen und starb später am Hirntod. Sie wurde nur 23 Jahre alt.

In einer Facebook-Gruppe hat jemand einen Aufsatz seiner Tochter zu diesem Thema online gestellt und der Text spricht mir einfach so aus der Seele, dass ich ihn Euch heute, anstatt meiner eigenen Worte, vorstellen möchte.

Dieser Text wurde von Melina Bezen verfasst und von ihrer Mutter in der Gruppe gepostet. Man darf ihn laut der Aussage ihrer Mutter gerne weiterverbreiten.

"Ist Zivilcourage ein Verbrechen?Ich habe hier einen Text von meiner 15jährigen Tochter Melina, die ihn anlässlich des Hirntodes von Tugce verfasst hat, der sie fassungslos gemacht hat, ebenso wie ein Bericht darüber heute im Fernsehen, wo gesagt wurde, dass es gefährlich sei, einzugreifen und man das lieber lassen solle. Ich möchte euch diesen Text nicht vorenthalten und mit ihrer Genehmigung stelle ich ihn hier ein.  Ich finde, sie hat recht und sie spricht für viele ihrer Freunde, mit denen sie sich heute lange unterhalten hat, mit. Sie alle sind tief betroffen über das, was der jungen mutigen Frau passiert ist. Ich wünschte mir, dass wir alle wieder so denken, wie diese Jugendlichen. Danke Melina!

"Heutzutage gilt es als Gefahr jemandem zu helfen?! In den Medien wird gesagt, man solle nicht sofort eingreifen, wenn man beobachtet, dass jemand bedrängt oder bedroht wird, aber was soll man denn bitte sonst machen? Natürlich ist es ein menschlicher Instinkt zu überleben, aber ist es das wert, dass wir heute alle immer nur zusehen oder auch wegsehen, wenn zum Beispiel ein Mann auf offener Straße ein kleines Kind misshandelt? Wegsehen, nur um sich selbst zu retten?Es gibt ja auch Situationen wo es wirklich gefährlich wird aber heutzutage rufen viele ja noch nicht einmal mehr die Polizei.
 
Ein beispiel dafür ist auch die junge Frau Tugce A.,  die heute für hirntot erklärt wurde, weil sie von einem Mann verprügelt wurde, der versucht hatte, auf einer Toilette zwei Frauen zu bedrängen. Tugce wollte lediglich helfen und sie war nicht mal allein. Ist das der Preis, den wir heute für Zivilcourage zahlen müssen? Dieses Mädchen ist aber für mich kein Beispiel dafür, dass man nicht helfen sollte, sondern eher dafür, dass wir erst recht alle wieder helfen müssen und das immer und zu jeder Zeit. Wenn Menschen heute schon in der Öffentlichkeit auf andere Mitmenschen losgehen, stimmt doch irgendwas nicht. Diese Menschen wissen eben genau, dass so gut wie keiner mehr hilft und sind genau deswegen doch so "mutig". In den Medien wird einem gesagt, es sei zu gefährlich zu helfen und solche Menschen, die so etwas sagen, werden dann als Experten dargestellt und man sollte sich daran halten. Aber sowas  ist doch genau der Grund dafür , dass Menschen wie dieser junge Mann ,der versucht hatte, die Frauen zu bedrängen , keine Gefahr darin sehen, öffentlich Frauen anzugreifen. Sie wissen, es hilft doch sowieso keiner, weil alle Angst haben, dass es sie selbst treffen könnte. Sie wissen, dass die Menschen nicht mehr zusammenhalten. Auch kleinere Alltagssituationen, wie im Bus einen Platz für eine ältere Dame oder einen älteren Mann freizumachen, sind heute nicht mehr selbstverständlich. Die Generation von heute wird doch auch mal alt sein und man will doch auch etwas Respekt von Jüngeren. Aber für die Generation von heute hat das keinen Wert mehr, heute werden ja sogar ältere Frauen zusammengeschlagen, nur wegen einer Handtasche in der vllt Geld sein könnte , oder Männer tot geprügelt, die kleinen Kindern gegen Jugendliche helfen wollen. Wenn einem in den medien berichtet wird, dass es nicht gut sei zu helfen, wird es dann irgendwann auch überhaupt gar keiner machen, aber genau das ist es doch,  was diese kriminellen Leute dazu ermutigt, immer weiterzumachen. Würden Sie dazwischen gehen? Oder würden Sie lieber zugucken und sich selbst retten? Die heutigen Kinder wachsen damit auf, dass es schlecht ist, sich von anderen zu unterscheiden. Aber Unterschiede sind doch nicht schlecht? Unterschiede machen Menschen doch aus? Aber wenn wir alle gleich sein sollen, sind wir dann nicht im Grunde einfach nur eine Herde von Klonen?

Leute mit Sprachfehlern oder Narben im Gesicht oder irgendwelchen anderen Merkmalen werden ausgelacht und beleidigt. Und keiner tut etwas. Niemand. Heute hat das die Schwester einer Freundin von mir beobachtet im Bus: alle sitzen nur da und sehen zu, wie ein ungefähr 16-jähriger Junge mit einem Sprachfehler anfängt zu weinen, weil er von Fünftklässlern fertiggemacht wird. Nur eine alte Dame und die Schwester meiner Freundin haben etwas gesagt, der Rest hat geschwiegen. Oder wie der Mann mit dem vernarbten Gesicht als Monster beleidigt wird. Was jedoch keiner weiß ist, dass er in ein brennendes Haus gerannt ist um eine familie zu retten und daher die Narben hat. Aber die Menschen heutzutage sehen nur, was sie sehen wollen und sind so voller Vorurteile. Was ist passiert? Wo ist der Zusammenhalt der Menschheit geblieben? Keiner hilft. Keiner macht irgendetwas. Keiner sieht hin.

Würden wir alle zusammenhalten, würden sich viele der Straftäter sowas gar nicht mehr trauen. Was ist nun wirklich besser? Wenn keiner mehr hilft? Oder wenn alle helfen? Tugces Tod sollte nicht dafür stehen, dass wir nicht mehr helfen, sondern sollte uns allen zeigen, wie wichtig es ist, dass wir ALLE helfen!

Noch mal die Frage. Würden sie helfen? Mir helfen?.
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Ich würde helfen....."
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(c) Melina Bezen
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Darf gerne geteilt werden"

Liebe Grüße,
Larissa

Kommentare:

  1. Hallo und guten Abend,

    es ist wirklich eine schwierige Sache, ob man in einer Situation Zivilcourage praktiziert oder auch nicht und ich persönlich kann diese Frage auch nicht klar mit Ja oder Nein beantworten.

    Was jetzt auch nicht direkt etwas mit Feigheit zu tun hat. Jeder mit der natürlichen Angst vor dem eigenen Tod.
    Denn die Täter werden einfach immer brutaler...siehe Geschehnisse in München, wo auch ein Mann diese Zivilcourage hat und damit mit dem Leben gezahlt hat.

    Wenn man sich solche Beispiele vor Augen führt..ist es schnell mit der Hilfe für andere vorbei.

    Ich glaube, es ist einfach wichtig hier Flagge zu zeigen und trotzdem Ja...zum Helfen zu sagen...egal wen es betrifft..denn keine hat Ächtung und Ablehnung verdient..

    Und auch ein Anruf bei der Polizei kann helfen..

    LG..Karin..

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    1. Liebe Karin :-)

      ich gebe dir vollkommen recht! Man muss zuerst sich schützen. Ich würde wahrscheinlich auch nicht direkt eingreifen, weil ich auch einfach zu klein und zu schwach wäre, da etwas auszurichten. Aber leider schauen viele Leute weg und rufen nicht einmal die Polizei und das kann zumindest jeder. Wo man hingegen eingreifen sollte, sind bei solchen Situationen wie die mit dem gehänselten Jungen. Aber wie in dem Aufsatz geschrieben ist, haben selbst da nur wenige etwas getan.
      Traurig ist nur, dass jetzt teilweise aufgerufen wird, gar nicht mehr zu helfen. Klar, man sollte sich selbst nicht in Gefahr bringen, aber die Botschaft "Guck weg, wenn dir dein Leben lieb ist", die da von einem Moderator etc. gesagt wurde, ist ganz schlecht. :-O.
      Man muss einfach immer die Situation einschätzen und dann entscheiden, wie man helfen kann. Bei einer Prügelei ist es besser, die Polizei zu rufen. Bei einer Hänselattacke ist das schon wieder anders und es reicht meistens schon, wenn man einfach mal etwas sagt.

      Liebe Grüße!

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  2. Ein Verbrechen ist Zivilcourage in der Tat nicht.
    Aber die Gesellschaft ist durch zu schnell Vorurteile, welche ohne Zweifel durch Social Media auch noch gefördert werden und vielen einen viel zu Hohe Aufmerksamkeit geben.

    Vielen Dank dir für diesen Post.

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Larissa